An einem Dienstag im März, irgendwo in Halle 3.1 der Frankfurter Messe, stand ein kleiner Mann vor einem großen Stück Holz und hielt eine Kirsche hoch. Dr. Tony Esposito, Professor für Bauingenieurwesen an der University of Nebraska und Mitvorsitzender des Farb-Komitees der Illuminating Engineering Society, hatte sich an diesem Morgen schon zum dritten Mal vor rund dreißig Lichtdesignern aufgestellt. Er drehte einen Dimmer. Die Kirsche wurde bläßlich. Er drehte einen zweiten Dimmer. Die Kirsche wurde praller, dunkler, fast schwarzrot -- plötzlich sah man, dass sie saftig war. Beide Leuchten zeigten auf dem Datenblatt denselben Farbwiedergabeindex: CRI 90. Die eine log. Die andere nicht.

Esposito hat diese Demonstration vom 8. bis zum 13. März 2026 auf der Light + Building zweimal täglich vorgeführt, um 11 Uhr und um 15 Uhr, am Stand H3.1 D55 der 3F-Gruppe. Jede Session zog laut Marie Paris, CEO von Targetti USA, mehr als dreißig Besucher an. Das klingt nach wenig, ist aber für eine freiwillige Fachvorführung auf der weltgrößten Lichtmesse -- 1.927 Aussteller aus 49 Ländern, zehntausende Besucher -- ein bemerkenswerter Wert. Die Leute standen in den Gängen und machten Fotos von einer Kirsche.

Sie hatten einen guten Grund. Was Esposito zeigte, ist nämlich der Moment, in dem eine Kennzahl, die seit 1974 den Weltmarkt für Lampen regiert, öffentlich abtritt.

Der Index, der niemandem mehr genügt

Der Color Rendering Index, im Deutschen Farbwiedergabeindex, kurz CRI oder Ra, wurde in seiner heutigen Form 1995 von der CIE festgelegt -- auf Grundlage einer Methodik, die auf Messungen aus dem Jahr 1931 zurückgeht. Das Prinzip ist simpel: Man nehme acht pastellige Testfarben (TCS01 bis TCS08), beleuchte sie mit der Testlampe und mit einer Referenzquelle (bei warmweißem Licht eine Plancksche Strahlung, bei kaltweissem ein Tageslichtspektrum), und berechne, wie stark die Farbeindrücke abweichen. Der Mittelwert der acht Abweichungen, umgerechnet in eine Skala von 0 bis 100, ist Ra. Mehr zur CRI-Mechanik haben wir im Grundlagenartikel beschrieben.

Das Problem: Acht pastellige Proben sind nicht die Welt. Sie sind ein winziger, harmlos gewählter Ausschnitt davon. Eine LED kann eine knallrote Paprika völlig verwaschen darstellen und trotzdem Ra 90 erreichen, solange sie sich an den acht Testfarben gut benimmt. Der Sonderwert R9 für gesättigtes Rot ist optional — viele Hersteller geben ihn aus gutem Grund nicht an. Und noch ein Haken: CRI kann nur Abweichungen messen, nicht ihre Richtung. Ob eine Lampe Farben blasser macht oder leuchtender, ob sie Hauttöne ins Grünliche zieht oder ins Rosa -- der Ra-Wert sagt es nicht. Er liefert eine Note, keine Diagnose.

Für Glühbirnen war das lange erträglich. Ihr Spektrum ist im Grunde ein schwach gemodelter Bogen aus thermischer Strahlung, und Abweichungen fallen gleichmäßig aus. Für moderne LEDs, deren Spektrum aus schmalen Peaks und breiten Flanken zusammengesetzt ist, funktioniert die Messmethode nicht mehr. Zwei LEDs mit identischem Ra 90 können dieselbe Kirsche völlig verschieden darstellen -- genau die Situation, die Esposito auf der Messe in Frankfurt in die Hand nahm.

Die 99 Proben der IES

Die Antwort der Lichtbranche heißt ANSI/IES TM-30-20. Der sperrige Name steht für ein Technical Memorandum der Illuminating Engineering Society, zuerst 2015 veröffentlicht, zuletzt 2020 überarbeitet. Statt acht nimmt TM-30 neunundneunzig Farbproben -- ausgewählt aus rund hunderttausend real existierenden Oberflächen: Stoffe, Pflanzen, Hautfarben, Baumrinde, Gemuese, Lippenstifte, Malerpigmente. Die Liste liest sich wie der Inventarzettel einer schlecht sortierten Werkstatt und ist genau deswegen näher an der Wirklichkeit als jede Pastelltafel.

Diese neunundneunzig Proben werden nicht zu einer Note verrechnet, sondern zu mehreren. Der wichtigste Paarbegriff lautet Rf und Rg. Rf ist der Fidelity Index -- das Gegenstück zu Ra, aber berechnet im modernen Farbraum CAM02-UCS, bei dem Farbabstände halbwegs dem menschlichen Seheindruck entsprechen, und eben mit 99 statt 8 Proben. Ein Rf von 90 bedeutet: Die Lampe liegt im Mittel ziemlich nah an der Referenz. Ein Rf von 100 wäre perfekte Treue.

Rg ist der eigentliche Clou. Der Gamut Index misst nicht Treue, sondern Sättigung. Wenn die Testlampe Farben im Schnitt lebendiger macht als die Referenz, liegt Rg über 100. Wenn sie Farben ausbleicht, darunter. Rg 100 bedeutet: keine Veränderung. Typische Werte für gute Büroleuchten liegen zwischen 95 und 103. Retail-Lampen, die Steaks und T-Shirts verkaufen sollen, dürfen nach den Empfehlungen der IES bis 108 gehen. Museen arbeiten eng um 98 bis 102, damit der Tintoretto nicht plötzlich südfranzösischer wirkt als er ist.

Über Rf und Rg hinaus liefert TM-30 noch die Color Vector Graphic, eine kreisförmige Grafik, die in sechzehn Hübins aufgeteilt ist. Jeder Bin zeigt mit einem kleinen Pfeil an, in welche Richtung und wie stark sich seine Farben unter der Testlampe verschieben. Bin h1 ist Hauttöne, h2 bis h4 sind warme Hölzer und Leder, h8 und h9 sind Himmelsblau und Glas, h11 und h12 sind Laubgrün. Wer auf einen Blick wissen will, ob ein Konferenzraum anschließend freundlich oder leichenblass aussieht, schaut auf h1. Während Ra nur einen Durchschnitt nennt, zeichnet die Vector Graphic eine Landkarte.

Warum es gerade jetzt eilig wird

TM-30 existiert seit elf Jahren. Trotzdem stand die Methode auf der Light + Building 2026 im Zentrum gleich mehrerer Ausstellerstände, während im deutschsprachigen Raum die meisten Datenblätter nach wie vor nur CRI angeben. Marie Paris räumte im Gespräch am EdisonReport-Stand offen ein, der Großteil der Lichtdesigner spezifiziere weiterhin in CRI-Kategorien, und nicht alle Hersteller veröffentlichten überhaupt TM-30-Daten. Warum also jetzt der Druck?

Drei Entwicklungen kommen zusammen. Erstens: Seit die WELL-Gebäudezertifizierung Version 2 für bestimmte Büros und Krankenhäuser melanopische Mindestwerte vorschreibt, müssen Planer ohnehin Spektraldaten liefern. Wer einmal das gesamte Spektrum einer Leuchte im Datenblatt stehen hat, kann genauso gut die TM-30-Kennzahlen dazurechnen lassen -- der Mehraufwand geht gegen null.

Zweitens: Das amerikanische Department of Energy stellt einen offiziellen TM-30-Kalkulator kostenlos zur Verfügung, die IES betreibt eine eigene Webanwendung, und jeder halbwegs ausgerüstete Testlabor-Computer kann aus einer einzigen Spektralmessung Rf, Rg, alle sechzehn Hübin-Werte und die Vector Graphic in Sekunden ausspucken. Die technische Hürde ist verschwunden.

Drittens — und das ist der eigentliche Treiber — macht die LED-Physik den alten Index zunehmend lächerlich. Die modernsten weißen LEDs, mit denen Hersteller wie Signify oder Osram gerade arbeiten, verwenden vier bis sechs Phosphorkanäle statt der klassischen zwei. Das Spektrum wird glatter und naturnaher, aber auch anders gewichtet. Bei solchen Quellen kann es passieren, dass CRI und TM-30 deutlich auseinanderlaufen: Eine Lampe erreicht Ra 95, zeigt aber im TM-30-Report einen schwachen Rf-Wert im Hauttönebereich, weil ihr Spektrum ausgerechnet dort ein Loch hat, das die acht CRI-Testproben nicht abbilden. Wer eine solche Lampe in einer Arztpraxis oder einer Schminkkabine verbaut, erlebt eine Überraschung. Die Farben auf dem Datenblatt stimmen. Die Gesichter unter der Leuchte sehen aus, als wäre jemand krank.

Ein deutsches Problem mit deutscher Lösung

Die deutsche DIN EN 12464-1 — die Norm für Arbeitsplatzbeleuchtung — schreibt für Büros einen Mindest-Ra von 80 vor, für Präzisionsarbeiten 90. Das sind keine hohen Hürden, und sie helfen wenig, wenn die Kennzahl selbst ungenau ist. Die Fachzeitschrift OFFICE ROXX berichtete nach der Messe, dass der gesamte Büroleuchten-Sektor zunehmend auf adaptive, datenbasierte Systeme umschwenkt. Zumtobels neue Solena-Pendelleuchte, entwickelt für das Schweizer Bürogebäude Hortus in Kooperation mit dem Architekturbüro Herzog & de Meuron, oder Esylux' Lenja mit vierundvierzig Prozent Indirektanteil und optional DALI-2-Tunable-White: Das sind Leuchten, bei denen ein einzelner Ra-Wert dem Produkt nicht mehr gerecht wird. Sie ändern CCT, Intensitaet und Richtung im Tagesverlauf. Ihre Farbwiedergabe ist kein Punkt mehr, sondern eine Kurve.

Genau dafür ist TM-30 gemacht. Das Verfahren erlaubt, für jeden einzelnen Arbeitspunkt — Morgenkühl, Mittagsweiß, Abendwarmdim — einen vollständigen Bericht auszugeben. Der IES-Spezifikationstext, den inzwischen große Büroprojekte in den USA und zunehmend auch in der Schweiz verwenden, liest sich fast schon prosaisch: Rf mindestens 90, Rg zwischen 95 und 105, lokale Hautton-Treue (Rf,h1) mindestens 90, Duv im Bereich von plus/minus 0,002 am vollen und an den dimmbaren Betriebspunkten, komplette TM-30-Plots bei Inbetriebnahme. Wer so spezifiziert, bekommt keine bösen Überraschungen an der Wand.

Was das für Privathaushalte heißt

Für die meisten Leser stellt sich die praktische Frage: Soll ich jetzt im Baumarkt nach TM-30-Daten fragen? Die ehrliche Antwort lautet: Man wird sie dort noch eine Weile nicht finden. Bei Verbraucherlampen bleibt CRI auf absehbare Zeit die Angabe der Wahl, und innerhalb von CRI ist eine einfache Faustregel überraschend robust: Ra 90 mit einem R9-Wert über 50 liefert in fast allen Wohnsituationen ein Ergebnis, das niemand schlechter findet als eine Halogenlampe. Der TM-30-Fortschritt passiert im professionellen Segment, bei Leuchten für Büros, Galerien, Lebensmittelhändler, Krankenhäuser.

Aber ein praktischer Hinweis gilt auch zuhause. Wenn eine LED-Lampe im Wohnzimmer Holz matt, Hauttöne fahl oder Textilien "irgendwie falsch" erscheinen lässt, obwohl das Datenblatt Ra 90 verspricht, ist nicht der Betrachter schuld. Es ist wahrscheinlich eine Lampe mit einem Spektrum, das genau zwischen die acht CRI-Testproben fällt. In solchen Faellen lohnt es sich, eine Alternative mit höherem R9 oder -- wenn man das Glück hat, einen Hersteller zu finden, der das angibt -- mit einem ausgewiesenen Rf- und Rg-Wert auszuprobieren. Gleiches gilt für Schreibtischlampen und Tageslichtlampen: Zwei scheinbar baugleiche Modelle können sehr unterschiedliche Spektren haben, und das Farbempfinden entscheidet am Ende über Ermüdung und Konzentration.

Die nächsten zwei Jahre

Die Light + Building ist eine Branchenmesse, kein Verbraucher-Event. Die nächste Ausgabe findet vom 5. bis 10. März 2028 in Frankfurt statt -- zwei Jahre, in denen TM-30 vermutlich endgültig aus den Hallen in die Datenblätter wandert. In den USA verlangt das General Services Administration bei einigen öffentlichen Aufträgen bereits TM-30-Reports. Die WELL-Zertifizierung bereitet eine Version vor, die TM-30-Werte explizit referenziert. Und im Entwurf der überarbeiteten CIE-Publikation zur Farbwiedergabe, an der unter anderem deutsche Fraunhofer-Institute mitarbeiten, werden Rf und Rg als Standardgrößen geführt.

Am Ende wird CRI nicht sterben, so wie die Glühbirne nicht wirklich gestorben ist — sie ist nur aus Supermärkten verschwunden und lebt als Halogenersatz in dunklen Ecken weiter. Ra wird weiter auf Datenblättern stehen, als Mindestwert, als Brücke, als gewohnter Anker. Daneben wird Rf/Rg Platz machen, dann einen Absatz, dann eine eigene Spalte. Irgendwann wird eine junge Lichtdesignerin in einer Messe-Halle eine Kirsche halten und sich wundern, dass ein Mensch namens Tony Esposito sie einmal gegen eine hundertjährige Norm verteidigen musste.

Bis es so weit ist, lohnt es sich, beim Kauf einer wichtigen Leuchte kurz innezuhalten und zu fragen: Was zeigt mir der Hersteller wirklich? Einen Mittelwert aus acht Pastellproben von 1931, oder einen Bericht über 99 reale Oberflächen? In dem Unterschied steckt der halbe Grund, warum Licht nicht einfach hell ist, sondern gut oder schlecht.